Fridays for Future

 

 

Liebe Schülerinnen und Schüler,

als Prinzessin Gaia erzähle ich Geschichten des Lebens, des Klimas, des Planeten Erde, der Gegenstände, nicht nur aus irgendeiner Perspektive, sondern aus dem Innersten der Dinge selbst. Kann der Ozean reden? Kann eine Plastikflasche sprechen? Kann Mut sich in Worten ausdrücken? Ein Baum? Ein Schwein? Die Atmosphäre? Wenn Ihr mich fragt, dann ja. Und wenn man sehr aufmerksam hinhört, sagen sie uns genau, was wir in den allermeisten Fällen schon wissen. Das Wissen allein macht aber noch kein verändertes Verhalten.

In letzter Zeit erreichten mich viele Briefe. Briefe vom Scampi aus Bangladesch, von einer Plastikflasche, von der Soja-Pflanze aus Asunción, vom kaputten Toaster in Ghana, von der genetisch modifizierten Baumwolle, in denen ich gefragt wurde, warum manche der Schüler, die für den Klimaschutz auf die Straße gehen, sich gleichzeitig jedoch nicht besser benehmen als die Erwachsenen gegen die sie demonstrieren. In den allermeisten Fällen erzeugen Demonstrationen zunächst einmal ein verändertes Denken, jedoch führen sie nicht notgedrungen zu einem nachhaltig veränderten Verhalten der Menschen im Umgang mit der Welt.

Ich beschloss, den globalen Hektar zu fragen, was er selbst von diesen Briefen halte. Der globale Hektar, das ist die Maßeinheit, mit der wir Menschen unseren grünen Fußabdruck messen. Diese Maßeinheit heißt gha und berechnet die Fläche, die wir in Anspruch nehmen, um die nötigen Rohstoffe und Energien zu bekommen, unsere Lebensbedingungen so zu erhalten, wie sie im Moment sind. Wie wohnen wir? Wie viel Strom, Wasser, Energie verbrauchen wir? Wie verbringen wir unsere Freizeit? Wie ernähren wir uns? Wie reisen wir? Welche Verkehrsmittel benutzen wir? Und: wie konsumieren wir?

Der globale Hektar erklärte mir Folgendes:

„Der ökologische Fußabdruck eines Menschen, Prinzessin, sollte eigentlich nicht mehr als 1,8 Hektar groß sein. Der Durchschnittswert eines Deutschen Erwachsenen UND Kindes liegt jedoch bei mehr als 5 Hektar.

Wie wohnst Du beispielsweise? Wie viel Quadratmeter stehen Dir, liebe Prinzessin, zur Verfügung? Und wie viel dem deutschen Schüler im Durchschnitt? Und wenn ich Dich frage, Prinzessin, würdest Du Dich verkleinern können?

Wie viel Strom, Wasser und Energie verbrauchst Du, liebe Prinzessin? Wie oft spülst Du das Klo am Tag? Wie oft duschst Du in einer Woche? Wie viele Waschmaschinen sind es über den Monat verteilt? Wie viel Zeit verbringst Du am Laptop? Am Handy? Und brennt bei Dir mal das Licht länger als notwendig? Ich weiß, Du liebst es, lange und warm zu duschen in Deiner Regenwald-Dusche. Und wenn ich Dich frage, Prinzessin, würdest Du achtsamer sein können, Dich einschränken können?

Und wie ernährst Du Dich zum Beispiel, Prinzessin? Wie oft in der Woche kommen Fleisch und Fisch auf den Tisch? Und ist es dann Fleisch von glücklichen Tieren oder das günstigere aus dem Supermarkt, von dem Du die Herkunft höchstens raten kannst? Gelüstet es Dich im Winter nach Erdbeeren oder achtest Du auf regionales, saisonales Obst und Gemüse? Und denkst Du, dass Soja das Heilmittel der Welt ist? Und was machen die Schüler? Ist die Fastfoodkette auf dem Weg von der Schule nach Hause verlockend? Ist die Brotzeit im Schulranzen fad und wird lieber in den Müll geschmissen? Ist die Pizza vom Bringdienst einfach leckerer als die Brokkolipfanne der Mutter? Und wenn ich Dich nun frage, Prinzessin, was mit dem Müll passiert? Mit den übergebliebenen Brotzeiten? Mit der Liebe, die bei der Zubereitung dabei war? Was passiert mit den Verpackungen der Pizza und der Hamburger? Und was macht die Mutter mit der Brokkolipfanne? Könntest Du mir sagen, dass nichts davon Dein Müll ist?

Und welche Verkehrsmittel nutzt Du, Prinzessin? Und wie kommen die Schüler zu ihren Protesten? Gehen sie zu Fuß? Nutzen sie das Fahrrad? Oder nehmen sie öffentliche Verkehrsmittel? Und wenn Du genau überlegst, Prinzessin, ist das Verkehrsmittel, das Du am Ende des Tages in Anspruch nimmst, aus den Aspekten der Bequemlichkeit oder des Klimaschutzes gewählt?

Meine wichtigste Frage aber, liebe Prinzessin, ist die des Konsums. Wie konsumierst Du? Denn mir scheint, spätestens hier wird Klimaschutz vergessen. Nicht nur die erwachsenen Erdenbürger konsumieren. Auch jede und jeder Schüler ist voll dabei. Es geht um Smartphones, um Kleidung, um Kosmetikartikel. Haben und Sein. Zeigen und Scheinen. Menschsein par Excellence. Kennst Du, liebe Prinzessin, den Weg des Leidens, den ein Rohstoff bis hin zum Endprodukt durchmacht? Kennst Du die Auswirkungen, die jeder Moment auf diesem Produktionsweg jeden Menschen und den Planeten Erde betrifft? Wer unbedacht konsumiert, liebe Prinzessin, braucht nicht glauben, bedacht zu demonstrieren.

Wenn Du mich fragst, dann sind die Demonstrationen nicht das, was unser Planet braucht. Ich selbst würde versuchen, Kinder und Erwachsene gemeinsam an einen Tisch zu bringen um nach Lösungen zu suchen. Gegenbewegungen kosten Energie, sorgen für Unruhen und mit jedem Tag, der dabei vergeht, ist das Klima einen Tag länger unverändert im Ungleichgewicht.“

Liebe Schülerinnen und Schüler, ich finde es gut, wenn Ihr weiter demonstriert. Denn jeder Gedanke, jedes Wort, jede Aktion, kann eine Kettenreaktion auslösen, die größer ist als wir je erkennen mögen. 

Umso mehr von Euch den anderen ein Beispiel sind, desto mehr werden sich trauen, Euch zu folgen.

In den indigenen Völkern bekommen Flüsse, Bäume und Berge menschliche Vertreter, die in Versammlungen für sie sprechen. Vielleicht sollten auch hierzulande solche Versammlungen stattfinden. Gemeinsam. 

Dass wir heute an diesem Punkt stehen, daran ist nichts mehr zu rütteln. Dass wir aber gleich morgen in eine neue Richtung gehen könnten, ist möglich. Lasst uns gemeinsam auf den Weg machen, gemeinsam mit allen Menschen, den Dingen, der Natur und unserem Planeten Erde.

Ich verneige mich.

Die Prinzessin.