29.11.2018

Ich wäre gern wie Du

„Ich wäre gerne wie Du, Prinzessin.“ sagte Kronean. Es war Sommer. Ich lag bäuchlings auf der Wiese und spürte Gaia, unsere Welt, unsere Mutter Erde durch das weiche Gras. Ich lauschte den Blumen beim Wachsen und den Insekten, die umhersummten. Ich genoss die warme Brise des Windes. Meine Augen waren geschlossen und das Gras kitzelte beim Atmen an und in meiner Nase.

„Was meinst Du?“ fragte ich. „Wie bin ich denn?“. Kronean antwortete nach langem Zögern: „Na, Prinzessin eben. Und die Tochter der Welt. Schön. Nett. Geliebt. Nie hungrig.“

Ich hätte viel antworten können. Dass ich mich überhaupt nicht schön finde zum Beispiel. Oder dass ich nicht immer nett bin und oft bereue, wenn ich meine Gefühle nicht im Griff habe. Oder, dass ich mich selten wirklich geliebt fühle. Und nie hungrig… Hmmm. Keiner müsse an Hunger leiden, sobald aus mir, Kinder-Prinzessin, einmal eine Erwachsene werden sollte. Aber ich lächelte nur, meinen Bauch noch fester an den Erdboden pressend vor lauter Vertrauen in die Welt, und sprach, wie es mir einst meine Mutter, Gaia, gelehrt hatte: „Kronean, Ich bin Mensch und ich bin Du. Und Du bist ich. Und ich bin ein Kind der Welt. Auch Du bist also ein Kind der Welt. Das Kind von Gaia, unserer Mutter Erde. Mehr noch, wir sind Teil unserer Welt, unserer Mutter Erde. Teil von Gaia. Du und ich und all die anderen. Wenn ich also Prinzessin bin. Dann kannst Du es auch sein. Wenn Du ein Krokodils-Wesen bist, dann kann auch ich eines sein. Du darfst mich nennen, wie Du mich nennen magst. Und ich nenne Dich einfach Freund. Du darfst Dich mir gegenüber verhalten, wie Du es magst. Ich verneige mich vor Dir. Und ich behandle Dich mit Liebe und Respekt. Ich vertraue Dir. Denn Du bist ich.“

Als ich aufschaute, erkannte ich, dass ich in Rätseln gesprochen hatte. Kronean blickte mich an, als hätte ich gerade etwas in einer Sprache gesagt, die ihm nicht zugänglich war. Ich setzte mich.

„Lass mich Dir eine Geschichte erzählen.“ begann ich. „Eine Geschichte, die Mutter mir erzählte, als ich noch nicht hier war, hier mit Dir auf der Wiese.

Die Geschichte handelte von einer kleinen Welle. Sie war klein. Keiner bemerkte sie, die anderen waren größer, brachen lauter, trugen mehr Wasser und schäumten schöner als sie. Die kleine Welle wollte wie die anderen sein. Sie strengte sich furchtbar an und war – auch wenn sie es immer wieder schaffte, sich zu verändern – immer auf Neue schrecklich unzufrieden mit sich selbst. Bis eines Tages der Wind auf hoher See nachließ, es windstill wurde. In diesem Moment wurde die kleine Welle zum Ozean. In diesem Moment wurden alle Wellen zum Ozean. Alle Wellen waren plötzlich Eins. Sie waren der Ozean. Alle waren zusammen. Und Form, Größe, Aussehen und Kraft der Einzelnen spielten in jenem Moment keine Rolle.

So, lieber Kronean,“ beendete ich meine Erzählung „ist es auch mit uns Wesen, mit uns Menschen. Wir haben alle ein anderes Aussehen, eine andere Kindheit, ein anderes Talent, einen anderen Beruf, aber wenn die Dinge, die auf der Welt passieren, sich beruhigen, zum Stillstand kommen, wie hier auf der Wiese, genau jetzt, in diesem Moment, dann merken wir, dass wir Eins sind. Wir sind die Welt. Wir sind zusammen. Alles andere spielt keine Rolle.

Verstehst Du jetzt? Du musst Dir nicht wünschen, sein zu wollen wie ich. Denn Du bist es bereits.

Ich bin Du. Und Du bist ich. Und ich bin ein Kind der Welt. Auch Du bist also ein Kind der Welt.“

Kronean antwortete nicht. Er schwieg. Er lächelte.

Was ist mit Dir, liebes Wesen Menschenkind? Weißt Du, dass Dein Aussehen, Talent, Dein Aufwachsen, sich von denen der anderen Kinder unterscheidet? Und merkst Du gleichzeitig, dass Ihr ganz tief innen alle zusammen Kinder der Welt seid? Und Eins? Das sind schwierige Fragen, ich weiß. Aber lass Dich ruhig mal auf diese Überlegungen ein.

Ich verneige mich vor Dir.

Die Prinzessin.

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