25.10.2018

Mein schönster Rückzugsort

Hast Du einen Lieblingsort, einen Ort, an den Du Dich zurückziehen kannst, wenn Du mal Deine Ruhe brauchst? Wo ist er? Wie sieht er aus und wie fühlt es sich dort für Dich an?

Mein schönster Ort als kleine Prinzessin war praktischer Weise gleich in meinem Zimmer. Ganz rechts am Heizkörper, auf dem Boden. Ein kleines Kissen zum Sitzen wartete immer auf mich und der Rücken am Heizkörper wurde im warmen Sommer durch den Stahl schön gekühlt und im kalten Winter, wenn die Heizung angeschaltet war, gewärmt. Ich saß immer ganz rechts, denn dort befand sich der Regler und ich musste oft nachstellen, da ich stundenlang, manchmal gefühlt jahrtausendelang dort saß und zwischendurch schwitzte oder fror, ein paarmal schien mein Rücken zu brennen, so heiß wurde es. Neben dem Kissen lag ein Buch, auf irgendeiner Seite aufgeschlagen, denn ich las – hier sitzend – nie darin, es war meine Tarnung. Wenn ich las, das wussten meine Geschwister, dann wollte ich nicht gestört werden. Ich wechselte regelmäßig die Bücher und versetzte immer wieder das Lesezeichen. Und ich knickte ab und zu ein paar Seiten um, denn so sahen die Bücher „gelesen“ aus. Das war also mein Rückzugsort. Am Boden meines Kinderzimmers, die Tür war zu, nicht abgeschlossen, und außen hing ein selbstgeschriebenes Schild mit 10 Punkten zu Verhaltensregeln. Der erste Punkt lautete, dass man klopfen sollte, bevor man eintrat und der zweite erklärte dann, wenn ich nicht antworten würde, so hätte man gefälligst draußen zu bleiben. Ich schrieb es sehr deutlich und dennoch hielt sich niemand an diese ersten beiden, die für mich wichtigsten, Regeln. Meine Geschwister klopften beim Hineinkommen, also völlig umsonst. Mein Vater klopfte gar nicht. Er konnte zwar lesen, aber ich bin mir bis heute nicht sicher, wie achtsam er je mit meiner Zimmertür umgegangen ist, abgesehen davon, dass seine Hand ohne Probleme den Türgriff erwischte. Meine Mutter kam selten rauf, wenn ich da an meinem Lieblingsort saß. Sie hatte viel mit den anderen zu tun. Hausaufgaben, kochen, streiten, Fensterputzen, … und irgendwann rief sie zum Essen. So war er also, mein Rückzugsort und das Schönste war, was passierte, in dem Moment, in dem ich den Platz einnahm. Den Platz auf dem Kissen. Okay, es gab keinen echten Sternenstaub, keinen Glitzerregen, keinen Applaus. Aber es fühlte sich ungefähr so an. Es fühlte sich für mich an wie wenn ich endlich in Sicherheit war. Es fühlte sich an, als ob ich hier erwartet wurde, willkommen bin, ich sein darf und all das. Mein Herz schlug Purzelbäume, mein Körper wurde von lustigem Kribbeln überschüttet, jemand schien laut jubelnd zu rufen: „Prinzessin. Endlich bist Du da. Ich habe schon gewartet!“

Wenn ich zurückdenke, dann war ich oft an diesem Ort. Wahrscheinlich täglich. Ich verpasste Abendessen, Spieleabende mit der Familie oder wichtige Absprachen wie Haushaltsdienst-Wochenplanungen, sodass ich oft die blödeste Aufgabe zugeteilt bekam. Manchmal war ich sogar als Prinzessin schon dort, wenn ich als Menschenkind noch woanders war, manchmal hatte ich in einer Stunde als Menschenkind an der Heizung gleich einen Monat als Prinzessin erlebt, ich konnte nämlich auch durch Zeit und Raum reisen, aber von all diesen besonderen Dingen berichte ich Dir im Laufe meiner Geschichten.

Nun bin ich gespannt, zu erfahren, ob Du überhaupt einen hast und wenn ja, wo er ist, Dein Lieblingsort. Und wie es dort aussieht, was dort zu hören ist und zu spüren und was ihn für Dich so besonders macht.

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