20.12.2018

Abschied

Kronean verabschiedete sich an einem kalten Wintertag in glühender Hitze von mir. Und ich erinnere mich noch immer. Es war, als würde mir jemand mein Herz herausreißen. Ein Schmerz, der mir auch heute noch, sofort die Tränen in die Augen schießt.

Ich war inzwischen zwölf. Wir hatten die Welt bereist. Nun fehlte nur noch Kroneanien. „Kroneanien,“ flüsterte mir Kronean eines Abends im Dezember leise ins Ohr, „wird schön.“ Und dann fügte er hinzu: „Und es wird auch traurig. Versprich mir, stark zu sein, Prinzessin. Versprich, meine Freundin zu bleiben. Was auch immer geschieht.“ Ich war mir nicht sicher, was er mir sagen wollte. Auch nicht darüber, was ich ihm versprechen wollte. So schwieg ich. Mir wurde ganz mulmig.

Ich suchte mir gleich am nächsten Morgen in der Früh mein schönstes Kleid aus. Auch wenn ich fror, denn zu Hause war es eisig kalt. Und als ich aus der Schule kam, hatte es bereits einen Fleck vom Mittagessen, es hatte Nudeln mit Tomatensauce gegeben. Und ich war so aufgeregt, dass ich gekleckert hatte und nun war mir auch egal, wie ich aussah. Ich schmiss meinen Schulranzen in die Ecke, rannte in mein Zimmer, schloss die Tür und setzte mich auf meinen Rückzugsort.

Kronean war schon bereit, als ich bei seiner Höhle ankam. „Prinzessin, Prinzessin! Schön, dass Du da bist!“ hörte ich ihn rufen. Aber ich sah ihn nicht. Stattdessen sah ich einen Haufen von Möbeln und anderen Sachen, mit Seilen wild zusammengebunden. Auf einem Brett mit Rädern. Das zusammengeschnürte Etwas bewegte sich. Nun entdeckte ich auch Kronean. Er schob das Etwas auf Rädern vor sich her. Und da erkannte ich auch seinen Esstisch, seinen Kleiderschrank, ein paar Mitbringsel von unseren Reisen. Und erneut kam dieses mulmige Gefühl in mir auf. Hieß das etwa, …

Aber bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, rief er: „Mach schnell. Wir sind spät dran.“ Und ohne sich nochmal umzuschauen, nahm er meine Hand, sprang mit mir und dem zusammengeschnürten Etwas auf die nächste Wasserströmung auf und schwupps, da kniete ich auch schon in einem weißen, weichen und warmen Sand, wie ich ihn auf all unseren Reisen noch nicht gesehen und gespürt hatte. Kronean hatte – zum ersten Mal, seit ich ihn kenne – eine rötliche Gesichtsfärbung und seine Krone saß plötzlich sicher und fest auf seinem Kopf. Nur der Körper machte nach wie vor das Gegenteil von dem, was angebracht gewesen wäre. Es war sehr heiß und die Sonne brannte. Kronean hatte ein Eisbärenfell an. Ich lächelte.

Es war still. Schön still. Kronean kniete sich neben mich. Sein zusammengeschnürtes Etwas hatte sich aufgelöst. Sein Hab und Gut lag überall herum. Nichts fehlte, wie es schien. Kronean faltete seine Pfoten vor die Stirn und verneigte sich tief. Ich tat es ihm gleich. So saßen wir eine Weile da. Verneigt vereint. In Stille.

Plötzlich hörten wir Lärm. Musik. Rufe. Trommeln. Und als ich aufschaute, sah ich ein Meer an Farben, eine Vielfalt an Köpfen von Krokodilen mit anderen Körpern, eine auf uns zu rennende Masse an jubelnden Gesichtern. Und ehe ich mich versah, wurden Kronean und ich auch schon durch die Luft gewirbelt. Mein Herz sprang auf und nieder. Vor Freude. Und vor Traurigkeit. Denn ich wusste bereits in diesem Moment. Kronean würde bleiben. Sie feierten ihren König, der endlich zurückgekommen war.

Liebes Menschenkind, verzeih mir, dass ich Dir nicht viel mehr berichten kann. Weder von Kroneanien und seinen Bewohnern, noch von der gesamten Zeremonie. Auch nichts von meinem Abschied mag ich erinnern oder erzählen. Die Traurigkeit ist stärker als die Erinnerung an all das Schöne, was noch folgen sollte an diesem Tag.

Ich erinnere mich nur noch an Kronean‘s Worte: „Versprich mir, stark zu sein, Prinzessin. Versprich, meine Freundin zu bleiben. Was auch immer geschieht.“

Und ich erinnere mich, irgendwann mitten in der Nacht an der Heizung sitzend aufgewacht zu sein. Mein Kleid war klitschenass, als ich erwachte, so viele Tränen hatte ich wohl geweint. Meine Mutter stand in meinem Zimmer. Sie schien entsetzt bei meinem Anblick und rief: „Kind, Du hast ja Fieber. Ab mit Dir ins Bett.“ Sie half mir beim Umziehen, während ich zitternd weinte, dann legte sie mich in mein Bett und hielt mich eine Weile. Irgendwann schlief ich ein. Ich wünschte mir, wie damals, bevor ich Kronean zum ersten Mal begegnete, gar nicht mehr aufzuwachen. So traurig war ich. Und ich wurde tatsächlich sehr krank. Es sei knapp gewesen, hörte ich den Arzt zu meinen Eltern sagen, eine Weile lag ich bereits weinend und mit hohem Fieber im Bett. Ich sei über den Berg, sagte er auch.

Heute, liebes Menschenkind, sind dreißig Jahre vergangen seit diesem Tag. Kronean und ich schreiben uns regelmäßig Nachrichten, wir besuchen uns von Zeit zu Zeit. Und wir sind noch immer beste Freunde. Beide haben wir viel zu tun. Doch vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben, werden wir nie. Manchmal vermisse ich Kronean sehr. Dann schmerzt es in meinem Herzen. Für einen Moment. Und wenn der Moment vorbei ist, dann schicke ich ihm eine kurze Nachricht. Und es macht mich glücklich, ihn noch immer in meiner Nähe zu wissen, auf der anderen Seite der Welt…

Es tut mir leid, liebes Menschenkind, dass ich mich an wenig erinnere. Vielleicht hast Du eine Idee davon, welch wunderschöne Insel Kroneanien sein und was für eine großartige Zeremonie stattgefunden haben könnte an Kroneans Rückkehr.

 

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Merry Christmas, Gaia!