15.11.2018

Kronean braucht Hilfe

Stell Dir vor, liebes Menschenkind, es ist Dein Geburtstag. Oder Weihnachten. Was wünschst Du Dir? Kleidung? Spielzeug? Süßigkeiten? Wie viele Sachen brauchst Du? Wie soll Dein Fest sein?

Ich möchte Dir vom Abend an meinem zehnten Geburtstag erzählen, als ich überglücklich und recht spät auf meinem liebsten Rückzugsort zur Ruhe kam. Der Tag war großartig. Es hatte Schnitzel mit Pommes und Käsekuchen gegeben, ich hatte Freunde eingeladen und viele Geschenke bekommen. So viele Wünsche sind mir erfüllt worden. Eine Barbie-Puppe, die hatte ich mir schon immer eingebildet, ganz viel neues Playmobil und ein paar Dinge, die ich mir nicht gewünscht hatte. Alles war bunt eingepackt und die Wohnung war geschmückt mit Luftballons. Wir haben viele Spiele gespielt und am Schluss bekam jeder noch eine Tüte mit Süßigkeiten. Meine hatte ich nun dabei, um sie auf dem Platz an der Heizung mit Kronean zu teilen.

Und als ich mich setzte, hörte ich ihn rufen: „Prinzessin. Endlich bist Du da. Ich habe schon gewartet!“ Das Rufen, liebes Wesen Menschenkind, klang heute allerdings verzweifelt und nicht so freudig wie sonst. Ich tauchte hinab und fand einen entsetzten Kronean, der mit Tränen in den Augen vor seiner Höhle stand. Er weinte. Und ich erkannte sie kaum wieder, seine Höhle. Denn sie war in lauter Müll untergegangen. Und, oh Schreck, ich bemerkte, dass Teile des Mülls zu mir gehörten. Da waren Süßigkeitenpapier, Luftballon-Reste, Geschenkpapier, die Verpackung der Barbie-Puppe, …

„Hilfst Du mir?“ fragte er, als ich neben ihm ankam? „Was macht Ihr Menschen da oben? Warum produziert Ihr so viel Müll? Und wieso werft Ihr es in meine Höhle?“ „Ich habe es nicht…“ war ich versucht zu antworten und dann dachte ich zurück an den Nachmittag. Ich dachte daran, wie gedankenverloren ich alle Geschenke aufgerissen hatte und die ganzen Verpackungsreste überall verteilt hatte. Ich erinnerte mich, was wir mit den Luftballons veranstaltet hatten und wie viel Spaß es machte, sie platzen- und liegenzulassen. Ich erinnerte mich, selbst draußen genascht zu haben und das Bonbon-Papier einfach im Wald fallengelassen zu haben. Und ich sah das Papier noch gedanklich im Wind davonfliegen. Und nun war es hier gelandet? „Es tut mir leid.“ sagte ich also stattdessen. Ich schämte mich plötzlich. Doch Kronean sagte: „Papperlapapp. Ich brauche kein: es tut mir leid. Lass uns lieber was machen mit all dem Zeug. Ich würde gerne heute Nacht wieder drinnen schlafen können.“

Klar half ich. Und wir sollten sehr viel Spaß haben. Denn zuerst sortierten wir alles nach Papier, Plastik und anderen Materialien, dann nahmen wir Scheren und bastelten eine Girlande aus dem Plastikmüll, nahmen das Papier und sammelten Holz, welches wir zu einem großen Lagerfeuer aufstapelten und alle anderen Reste des Mülls räumten wir in einen Sack. Dann fegten wir die Höhle aus und Kronean kramte eine Lichterkette hervor. Nachdem er sie außen angebracht hatte und sein Garten wunderbar bunt leuchtete, die Girlande zum Feiern einlud und das Feuer brannte, pfiff er laut in die Nacht. Und aus allen Ecken strömten Meereskreaturen hervor. Sie knicksten höflich, als sie mich sahen und jubelten, als sie bemerkten, was Kronean da mit mir geschaffen hatte.

Nun wurde der Abend meines Geburtstages zu einer riesigen Party. Ich teilte meine Süßigkeiten mit allen, die da waren. Wir sangen Lieder und erzählten Geschichten, bis das Feuer ausgebrannt war. Ein Feuer mitten in den Tiefen des Ozeans. Dachte ich noch.

Dann merkte ich, wie ich plötzlich fror. Es war spät geworden an meiner Heizung. Ich verabschiedete mich von Prinz Kronean und der Meeresbewohnergesellschaft. Und ich schwor mir selbst, dass ich mir zum nächsten Geschenke-Fest nur noch das wünschte, was ich wirklich dringlichst benötigte. Und dass ich ab sofort darauf achten würde, wie ich mit Müll umging. Vielleicht würde ich auch mal auf Dinge verzichten. Für Kronean und seine Freunde.

Hast Du schon einen Wunschzettel für Weihnachten geschrieben, liebes Menschenkind? Vielleicht schaust Du nochmal nach. Vielleicht kannst Du ja auf eine Sache verzichten. Und wenn nicht, dann ist es nicht so schlimm. Pass nur gut auf, was Du mit der Verpackung machst, damit Kronean nicht wieder vor einem großen Müllberg steht am Heiligabend.

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