08.11.2018

Langeweile – juhu!

Heute habe ich eine ernste Frage, liebes Menschenkind, denn etwas verstehe ich nicht. Meine Geschwister sagten manchmal, wenn gerade nichts los war: „Mir ist laaaangweilig.“ Und sie sagten es so, als sei Langeweile etwas sehr Schreckliches. Ist das für Dich auch so? Ist Langeweile nicht eher etwas Fantastisches? Etwas, was Dir die Gelegenheit gibt, für einen Moment diese Kurzweiligkeit, die wir Menschen Stress, Zeitdruck oder Hektik nennen, hinter Dir zu lassen und einfach mal zu entspannen? Zu atmen? In die Stille zu lauschen? Zwischen die Dinge zu schauen? Zu spüren, wie sich nichts anfühlt?

Lass mich Dir erzählen, wie ich einst auf solche Gedanken kam, damals nämlich war es ein Tag im Herbst. Es regnete in Strömen, wir sollten im Haus bleiben und spielten ein Kartenspiel. Ich hatte mir angewöhnt, zu schummeln, aber nicht, damit ich gewann, sondern damit derjenige Mensch gewann, den ich gerne gewinnen lassen wollte. Darin war ich Meisterklasse, wenn ich das mal so sagen darf. Die anderen schimpften, ihnen sei langweilig. Die Stimmung war angespannt. Jeder wollte gewinnen. Und ich wollte eigentlich schon längst auf meinem Lieblingsplatz an der Heizung sein. Warum also nicht beides schaffen? Meinen Geschwistern die Langeweile nehmen und mir selber den Weg in mein Zimmer zu ebnen? Nichts leichter als das. Wie durch ein Wunder hatte Basti plötzlich die Gewinnerkarte in der Hand. Wie das geschehen war, wusste nicht einmal er. Alex und Micha hatten gerade eine eigene Fehde gegen Basti, den jüngsten von uns, eingeleitet und grinsten sich siegessicher zu. Und dann das. Aus der bereits gereizten Stimmung entstand eine Prügelei. „Du hast geschummelt!“ rief Alex. „Die Karte war vorher nicht auf Deiner Hand.“ schrie Micha. Und ich sah zurückgelehnt zu und aus dem Augenwinkel, wie meine Mutter die Situation betrat. Und sie tat, wie es von mir vorhergewünscht wurde. Sie war sehr wütend, stampfte mit den Füßen und schimpfte mit uns: „Nicht mal ein Kartenspiel könnt ihr in Ruhe spielen. Ihr habt alle eine Stunde Stubenarrest. Ab mit Euch in die Zimmer. Jeder in seins.“

Juhuu. Dachte ich zu mir selbst und freute mich auf das Gefühl von Sternenstaub, Glitzerregen und Applaus. Aber heute blieb sie aus, die freudige Begrüßung von Kronean. Wo war er wohl gerade? Ich suchte mir den Ort im Meer, in dem ich ihn vermutete und tauchte hinab.

Im Ozean war es heute sehr still, nichts schien die Ruhe stören zu können und als ich unten ankam, sah ich auch Kronean, er lag auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, seine Augen waren geschlossen und er lächelte vor sich hin. Als ich mich vor ihn stellte, um ihn zu begrüßen, öffnete er nur ganz leicht sein rechtes Auge. „Schön, dass Du da bist.“ sagte er leise. „Komm, leg Dich zu mir. Heute ist Tag der Stille im Ozean. Und ich genieße gerade die Langeweile. Mach mit.“ Was für ein Zufall, dachte ich mir, legte mich neben Kronean, so wie er es mir vormachte und schloss die Augen. Nach einer langen Weile, in der nichts geschah, fragte ich in die Stille: „Was nun? Was passiert jetzt?“ „Was meinst Du?“ fragte Kronean. „Naja.“ Versuchte ich zu erklären. „Ich sehe nichts, höre nichts und spüre nichts. Ich liege hier neben Dir und Du nennst es „genießen“ und lächelst vor Dich hin. Was mache ich falsch?“ Da nahm er meine Hand und sagte: „Komm einfach mit, wir malen uns einfach unsere Welt, wir hören das, was uns gefällt und das Spüren passiert von ganz allein.“ Und dann verstand ich. Langeweile war ein Abenteuer. Wenn die Augen geschlossen waren, dann wurde es – wie im Kino – plötzlich dunkel. Und dann begann der Film. Nun, hier auf dem Rücken liegend, war es mein eigener Film, den ich mir selbst in der Fantasie kreieren durfte, so wie ich es gerade brauchte. Wie schön. Ich spürte also Kronean’s Hand an meiner, während er sagte: „Du siehst eine Treppe. Nun geh eine Stufe hinauf und lasse das, was gerade passiert ist, hinter Dir. Gehe noch eine Stufe und freue Dich auf das, was Du gleich erleben darfst. Und nun gehe die letzte Stufe. Dann stehst Du vor Deinem Abenteuer, das jetzt beginnt und solange dauert, wie Du es zulässt, an diesem Tag der Stille im Ozean.“ Still? Dachte ich mir, während ich von einem großen Fest in der Stadt träumte, mit Clowns, Zauberern und Karussellfahrten, mit Zuckerwatte und Lebkuchenherzen, … Still ist anders. Und auch ich lag wohl nun da, mit geschlossenen Augen. Und lächelte.

Ich wurde jäh aus der abenteuerlichen Langeweile gerissen, als mein Bruder ins Zimmer kam und „Essen!“ rief. „Ich komme gleich.“ Antwortete ich. „Ich will noch schnell etwas malen.“ Und so malte ich ein Bild. Ein Bild für Kronean, mit all den Details, die ich mir gemerkt hatte von meiner Fantasie-Reise. Als ich fast fertig war, war es schon spät und meine Mutter klopfte, ich öffnete ihr und sie stand lächelnd vor mir, mit einem Teller in der Hand, auf dem mein Abendessen zubereitet war. Sie setzte sich zu mir und bewunderte mein Bild. „Dafür“ sagte sie „war es völlig in Ordnung, das Abendessen zu verpassen. Magst Du noch zu uns ins Wohnzimmer kommen?“

Ich persönlich finde also, liebes Wesen Menschenkind, dass Langeweile ein Abenteuer ist. Denn Langeweile passiert in den Momenten zwischen dem echten Leben, zum Beispiel auf dem Kissen an meiner Heizung, an meinem Lieblingsort. Ich bin seit dieser Geschichte immer wieder bewusst für beides dorthin gegangen für Langeweile und für Abenteuer. Weil das eine doch das andere ist. Und hier entstanden meine schönsten Fantasien. Und daraus wurden dann oft Bilder, Basteleien und auch Kompositionen für das Klavier…

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