06.12.2018

Auf der anderen Seite

Weißt Du, was eine Antipode ist, liebes Menschenkind? Diese Frage stellte mir auch Kronean eines Tages und piekte mich dabei aufgeregt mit einer Kralle – was für ein Tierwesen war er eigentlich heute? Es hatte etwas von einer Katze. Er piekte also in meinen Rippen herum. Ich wusste es nicht. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, Hausaufgaben zu machen. Es waren schwere Hausaufgaben. Wir lernten gerade etwas über andere Länder der Welt und ihre Hauptstädte. Aber Kronean hörte nicht auf mit dem Rumgepieke. Also ergab ich mich. „Was?“ fragte ich ihn. „Sag schon.“

Da fing er an zu erzählen. „Gestern,“ so begann er, „bekam ich plötzlich Besuch von einem mir bis dahin unbekannten Onkel. Ehrlich gesagt, ich wusste nicht, dass ich überhaupt eine Familie habe. Er sagte, froh zu sein, mich endlich gefunden zu haben, und dass ich lebe, denn seit dem Erdrutsch wäre ich plötzlich verschwunden und alle suchten nach mir…“ „Erdrutsch?“ fragt ich ihn. „Davon hast Du mir nie erzählt.“ „Stimmt.“ Antwortete Kronean.“ Aber ich wusste doch auch gar nichts davon. Alles, was ich weiß, ist, dass ich eines Tages alleine im tiefen Ozean in einer kleinen Höhle erwachte. Das, so dachte ich, war meine Geburt. Ich hörte seitdem immer wieder von Geburten, von Wundern, von Müttern, die kleine, nackte Wesen zur Welt brachten, die im ersten Moment nicht alleine überleben hätten können. Mein Gefühl sagte mir dann, dass meine „Geburt“ irgendwie anders war. Und so kam diese Idee, weil ich ja auch diese nervig verrutschende Krone habe, dass ich besonders sei. Und wenn es keine Mutter gab bei meiner Geburt, dann war zumindest Mutter Erde dabei. Deshalb nenne ich mich wie Du Dich nennst. Kind von Gaia. Naja, mein Onkel jedenfalls erklärte mir, dass wir auf Kroneanien lebten und das sei eine kleine Insel im Südpazifischen Ozean. Die Koordinaten waren minus 55.6108414882195 Längengrad und minus 169.44844722747803 Breitengrad. Eines Tages erschien eine Riesenwelle und überflutete unsere Heimat. Dann war sie verschwunden. Die Insel. Wir sind alle gute Schwimmer, so retteten sich die anderen auf unsere Nachbarinseln, zählten einander durch. Und merkten, dass ich, Kronean, der Thronfolger, verschwunden war. Der Sog schien mich mitgenommen zu haben. Hierher. In die Tiefen des Ozeanes in der Nähe Deiner Heizung, Prinzessin. Die Koordinaten hier sind 55.61084148821951 Länge und 10.551552772521972 Breite. Und rate. Mein ursprünglicher Heimatort und dieser Ort hier. Sie liegen sich exakt gegenüber auf der Weltkugel. Es sind sogenannte „Antipoden“. Hier war der letzte Ort, an dem sie mich vermuteten. Genau auf der anderen Seite der Welt. Er wollte mich wieder mit nach Hause nehmen, ich hätte eine Verantwortung zu tragen, sagte mein Onkel. Aber ich weigerte mich und antwortete ihm, dass mein zu Hause hier sei. Wie auch immer ich hierhergekommen bin, Prinzessin, vielleicht habe ich mir unterwegs den Kopf gestoßen oder so,“ sagte Kronean „der Weg hat mich aller meiner Erinnerungen beraubt. Mein Onkel war wütend und wollte mir die Krone entreißen. Aber sie rutschte immer wieder aus seinen Händen, klebte irgendwo an meinem Körper. Irgendwann, gefühlte Stunden später, ließ er endlich von mir ab und verschwand. Nicht ohne mir befehlerisch zu empfehlen, heimzukommen, sobald ich bereit dazu sei.“ So beendete Kronean seine Erzählung.

Ich schluckte. Und ließ die Geschichte auf mich wirken. Dann seufzte ich erleichtert auf. Kronean würde vorerst bleiben. Das machte mich glücklich. Gleichzeitig machte sie mich neugierig. Die Welt. Die andere Seite des Planeten. Und dann war da noch diese Schulaufgabe… „Was nun?“ fragte ich Kronean. Und er lachte laut. „Nun, Prinzessin, weiß ich endlich, dass ich eine Familie habe, dass ich wahrscheinlich auch mal normal auf die Welt gekommen bin, ich kenne den Grund dieser Krone, die auf mir herumtanzt und ich bin mir meiner Verantwortung bewusst, eines Tages einer Gruppe Krokodilkopf-Geschöpfe vorzustehen. Ich bin nicht mit meinem Onkel mitgegangen, weil ich diese Verantwortung noch nicht tragen kann. Ich weiß noch viel zu wenig von der Welt. Komm, liebe Prinzessin. Lass uns reisen. Und lass uns herausfinden, was es ausmacht hier zu leben, oder dort, oder genau auf der anderen Seite der Welt. Ich will noch viel lernen, über Länder, Hauptstädte, Sprachen, Kulturen, Religionen… bis ich nach Hause zurückkehre und meinem kroneanischen Volk von der Welt berichte, es mit dem Rest der Welt verbinde, etwas Schönes entstehen lasse. Wo möchtest Du als nächstes hin, Prinzessin?“

Ich wollte spontan sagen: „Zur Antipode!“, aber das war ja Kroneans Herkunfts-Ort und dort wollten wir ja als letztes hin, ganz zum Schluss. Ich rannte ins Wohnzimmer und holte den Globus, es war ein tolles Modell, der an einer Drehachse befestigt war und ein Licht hatte. Dann setzte Kronean sich zu mir an die Heizung, wir löschten die Lampe im Zimmer und bewunderten den beleuchteten Planeten Erde vor uns und Kronean hatte die schönste Idee überhaupt. „Schließ die Augen, Prinzessin, und zähl bis 10. Ich drehe so lange den Globus und dann nimmst Du den Finger, tippst auf den Ort, der gerade da ist und wir reisen genau auf die Gegenseite, die Antipode…“ Weil das so viel Spaß machte, wechselten wir uns ab. Ich, er, ich, er, ich, er. Und so entstand eine lange Liste mit Orten, zu denen wir noch reisen wollten. Und ganz nebenbei lernte ich alle Hauptstädte der Länder wie im Schlaf.

Irgendwann klopfte es. Mein Vater stand in der Tür. „Hey,“ sagte er, als ich ihn hereinbat. „Du hattest gesagt, dass ich Dich noch abfragen soll heute Abend. Ist jetzt eine gute Zeit?“ Ja. Es war die perfekte Zeit. Kronean und ich hatten einen Reiseplan erstellt. Und ich konnte fehlerfrei alle Hauptstädte benennen. Von Ländern, die ich heute erst kennengelernt hatte.

So, liebes Menschenkind. Wenn Du es Dir nun wünschen dürftest, wohin würdest Du gerne als nächstes reisen? Und: kennst Du die Koordinaten Deines Wunsch-Reiseziels Und eventuell auch seine Antipode? Vielleicht habt Ihr auch einen Globus zu Hause. Hab Spaß. Erkunde die Welt.

Ich verneige mich.

Die Prinzessin

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