01.11.2018

Das Meereswesen Kronean

Hast Du manchmal Tage, die nicht schön für Dich sind, an denen Dir nichts gelingt? Tage, an denen andere Menschen schlecht mit Dir umgehen, an denen Du Unrecht begegnest, aber zu klein bist, etwas dagegen zu tun? Was machst Du dann? Hast Du jemanden zum Reden, einen besten Freund oder eine beste Freundin?

Lass mich Dir mein geheimstes Geheimnis verraten. Ich habe mich vorher einfach noch nicht getraut, es jemandem zu erzählen. Doch Dir, liebes Wesen Menschenkind., Dir vertraue ich.

In der letzten Geschichte sprach ich davon, dass etwas oder jemand jubelte, sobald ich mich auf meinen Lieblingsort an der Heizung setzte. Und dass dieses Etwas rief: „Prinzessin. Endlich bist Du da. Ich habe schon gewartet!“ Das Rufen, liebes Wesen, war das Rufen meines besten Freundes, dem Kronean.

Kronean war ein Krokodil, als Hauptwesen. Und er hatte eine kleine Krone am Körper, sie saß selten auf dem Kopf, eher war sie irgendwo befestigt. Mal am Po, mal unter einer Achsel, mal auf dem Fußrücken und meistens genau dort, wo sie gerade störte. Weil Krokodil nur das Hauptwesen von Kronean war und der Rest immer aus einer andersartigen Kreatur bestand, nannte sich Kronean also „Kro“ für Krokodil „ne“ für Krone und „an“ für andere Kreatur. Kronean war sehr allein, vor Allem, weil das „andere Kreatur“ in ihm sich immer genau ohne sein Zutun zu dem veränderte, was für die Situation in der er sich befand und für die Wesen, mit denen er gerade zusammen sein wollte, unpassend war.

Ich begegnete Kronean an einem sehr traurigen Abend. Ich war so traurig, hatte einen nicht schönen Menschenkindtag und weil ich an solchen Tagen meine Prinzessinnenreise meist im Ozean begann, so war ich auch diesmal dort. Im Meer. An einer, wie mir schien, sehr tiefen Stelle, wahrscheinlich an der tiefsten. Als Prinzessin konnte ich im Dunkeln sehen und unter Wasser atmen. Deshalb hatte ich keine Angst dort im Meer. Im Gegenteil, der salzige Geschmack meiner Tränen wurde vom Salzwasser des Ozeans überdeckt, das gemütliche Plätschern der Wellen schaukelte mich sanft wie ein Baby hin und her und beruhigte mich, und immer wieder sah ich bunte Fische und Kreaturen, die mir zulächelten und winkten.

Heute, an diesem traurigen Tag, hatte ich vor, in die tiefste Tiefe des Ozeans zu tauchen, mir eine Höhle zu suchen, und dort für immer zu bleiben. Hinfort mit dem doofen Menschsein, dachte ich mir. Und ich tauchte tiefer und tiefer hinab.

Ganz unten wurde es plötzlich kalt und irgendwie war es nun doch unheimlich. Ich schaute mich um, als ich erschrak, denn aus einem Versteck in der Dunkelheit der Tiefe schauten mich zwei große Augen an. Vor Schreck blieb ich wie versteinert stehen, ganz unten auf dem Meeresgrund. Nur nicht bewegen, dachte ich, sonst frisst Dich das Ding. Und gleichzeitig dachte ich: soll es mich ruhig fressen, hinfort auch mit dem Prinzessinnen-Sein.

Nach einer ganzen Weile, in der die Welt stillzustehen schien, sagte ich zu den zwei Augen: „Hey, Du. Nun friss mich endlich oder zeig Dich. Ich habe nicht unendlich Zeit, denn ich bin eine Prinzessin auf Abenteuern und meine Mutter ist die Welt. Du bist also ihr Untertan. Und auch meiner. Also friss mich oder zeig Dich.“

Die Augen verengten sich, es sah aus wie Zorn, ein Etwas kam aus seinem Versteck heraus. Eine Krone auf dem Haupt, die „schwupps“ plötzlich wie ein Bart unter dem Kinn hing. Ich konnte nicht anders als laut zu Lachen, so komisch war dieses Ding. Es hatte einen Krokodilkopf, einen Unterkörper wie ein Seepferdchen, Flügel? Ja Flügel. Und weiche Pfoten, wie die eines Hundes. Mein Lachen schien das Ding zu erfreuen und „schwupps“, da sah es plötzlich ganz anders aus als zuvor, irgendwie „neu“, aber das war nicht schlimm, es hatte dieselbe Energie wie zuvor, als Prinzessin orientierte ich mich nicht nach dem Aussehen der Dinge, sondern an ihrer Energie. Verstehst Du, was ich mit Energie meine, liebes Menschenkind? Du wirst im Laufe der Geschichten erfahren, was ich meine.

Das Wesen, welches also eine Energie hatte, die sich schön, ehrlich und liebenswert anfühlte und – im selben Moment – einsam und allein, stellte sich also adrett vor mich, versuchte einen Knicks zu machen, kramte seine Krone unter seinem Hinterbein hervor, hievte sie mit aller Kraft auf seinen Krokodilkopf und sagte: „Gestatten, Kronean, Prinz Kronean, auch Kind von Gaia.“

Mein Geheimnis, liebes Wesen Menschenkind, ist also Kronean, ein imaginärer Freund. Ein Wesen, das nur ich wahrnehmen kann, sonst niemand. Er ist manchmal neben mir, ganz unvermittelt. Früher sprach ich noch laut mit ihm, bis ich dafür fast zu einem Psychologen getragen wurde, weil meine Eltern glaubten, ich sei irgendwie verrückt geworden. Seitdem sind meine Unterhaltungen mit ihm unhörbar. Aber er ist da. Und es fühlt sich gut an.

Wer, liebes Menschenkind, ist Dein bester Freund oder Deine beste Freundin? Vielleicht ist es an der Zeit, es ihr oder ihm mal zu zeigen. Mit einem lieben Brief, einer Umarmung oder auch einfach mit guter Energie.

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